Kurt Tucholsky, Schloß Gripsholm
Schloß Gripsholm ist weit mehr als eine Liebesgeschichte, eine Urlaubsgeschichte, eine Geschichte über eine zur damaligen Zeit gewagt offene Dreiecksbeziehung. Schloß Gripsholm ist ein literarischer Text, bei dem man auch nach dem zwanzigsten Lesen immer wieder neue Nuancen entdeckt.
Das Meisterwerk beginnt mit einem Briefwechsel zwischen Tucholsky und seinem Verleger, Ernst Rowohlt, vielleicht fiktiv, vielleicht real - egal. Dieser Briefwechsel führt in die Geschichte ein, begründet , warum sie aufgeschrieben wurde. Tucholsky reist mit seiner Freundin Lydia (Prinzessin) nach Schweden. Beide quartieren sich auf Schloß Gripsholm ein. Während ihres Aufenthalts besuchen sie Kurts alter Kamerad Karlchen und Billie, die beste Freundin von Lydia. Absolut lesenswert da glaubhaft und alles andere als unmoralisch wirkend beschrieben die Dreiecksgeschichte zwischen Kurt, Lydia und Billie. Muß man lesen!
Neben der Sommeridylle entspinnt sich noch eine weitere Geschichte, die Rettung der kleinen Ada aus einem Kinderheim, das von der Leiterin, Frau Adriani nahezu sadistisch beherrscht wird. Schloss Gripsholm wurde 1931 geschrieben. Frau Adriani ist in meinen Augen die Vorwegnahme des dunklen Schleiers, der sich mit der Machtergreifung der Nazis 1933 über Deutschland deckte.
Tucholskys Bücher wurden 1933 von den Nazis verboten und verbrannt. Nach einem schweren Magenleiden, abhängig von Barbituraten, nahm sich Tucholsky im Dezember 1935 das Leben (Überdosis).
Tucholsky schrieb unter 5 Pseudonymen für die Weltbühne. Dazu gehörten Theater- und Buchrezensionen, Kurzgeschichten und Lyrik. Jedes seiner Pseudonyme stand für eine bestimmtes Genre. Da zahlreiche Texte von ihm einen direkten Bezug zu Ereignissen der Zeit, in der er lebte, haben, erschließen sie sich dem Leser nur mit dem dazugehörigen Hintergrundwissen.
Die Gesamtausgabe von Tucholskys Werken (22 Bände) ist bei Rowohlt erschienen. Wer sich mit den wichtigsten Texten befassen will, schlägt beim Verlag 2001 zu (3 Bände).
