Die Sprache der Politik
Seit heute bin ich - neben der Bundesregierung - stolzer Besitzer eines Sondervermögens. Ich habe es heute Vormittag meiner Bank abgerungen. Es ist auch bitter nötig. Da sind so viele Löcher zu stopfen. So muss ich demnächst tanken, ein Kurzurlaub steht an, die Jahresdurchsicht und der TÜV. Die Liste lässt sich sicher noch verlängern.
Sicher, ich hätte auch einen Kredit aufnehmen können, aber wer will schon Schulden? Derselbe Tatbestand, zwei unterschiedliche Wörter: Sondervermögen und Schulden.
Man erwartet von Politikern nicht unbedingt Kreativität, aber was den Sprachgebrauch anbelangt, sind sie es eben doch. So wird in der Politik grundsätzlich nicht gelogen, es wird maximal die Unwahrheit gesagt. Nun könnte man meinen, Lüge und Unwahrheit seien doch dasselbe. Nein, es gibt einen feinen Unterschied. Während der Lügner wissentlich Falschaussagen macht, kann man dem "Unwahrheitsager" noch unterstellen, er macht seine Falschaussage unwissend. Und darin besteht ein Unterschied. Sollte ein Politiker beim Sagen der Unwahrheit ein ganz schlechtes Gewissen haben, da man ihm eventuell nachweisen kann, dass er wissentlich falsch aussagt, bleibt immer noch die Amnesie als Alternative. CumEx und Scholz lassen grüßen.
Ein anderer Trick, eine negative Deutung politischen Handelns erst gar nicht zuzulassen, ist die Mode, neu erlassene Gesetze mit einem volkstümlichen Zweitnamen zu versehen. Wer kann schon daran zweifeln, das DAS GUTE KITA GESETZ (offiziell KiTa-Qualitäts- und -Teilhabeverbesserungsgesetz – KiQuTG) nicht durch und durch etwas richtiges ist. Ich hätte da gleich mal einen Vorschlag für die anstehende Pflegereform: DAS SAUGUTE PFLEGEVERBESSERUNG REFORM GESETZ. Wer will dann noch Widerstand leisten.
Sprache ist ideologierelevant, habe ich mal gelernt. Und das zieht sich so tief durch unseren Sprachgebrauch, dass wir es als selbstverständlich hinnehmen, ohne es zu hinterfragen, ja ohne es wahrzunehmen. Wenn etwas nicht wächst, sondern schrumpft, spricht die Politik von "Minuswachstum". Die positive Assoziation, die das Wort "Wachstum" auslöst, bleibt uns also erhalten, obwohl das Gegenteil passiert.
Ich bin in einem mitteständischen Unternehmen beschäftigt. Meinen Status nennt man üblicherweise "Arbeitnehmer". Dabei ist es doch eigentlich das mittelständische Unternehmen, das meine Arbeit nimmt, die ich ihm (gegen Bezahlung) gebe, oder nicht? Aber diese Interpretation passt wohl nicht in unsere ideologisch kapitalistisch geprägte Gesellschaft, wo der Unternehmer als das wichtigste prägende Element gilt. Und da ja schon in der Bibel steht, "Geben ist seeliger denn Nehmen" ist also der Unternehmer der Arbeitgeber und ich der Arbeitnehmer.
